Autor Thema: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 3)  (Gelesen 1248 mal)

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Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 3)
« am: 17. September 2008, 22:44:49 Uhr »
Kapitel 3 – Die Fahrt

Knatternd ruckelte der alte Truck durch das Ödland. Nichts wuchs hier, denn die unbarmherzige Hitze hatte alles Leben verdorren lassen. Das Land war tot. Viele Tage waren sie nun schon unterwegs und die Sonne brannte wie ein Feuerball über ihren Köpfen. Greg Dearing griff nach der Wasserflasche zwischen seinen Beinen und reichte sie seiner Tochter Jade hinüber.

„Hier Kleines, du hast schon lange nichts mehr getrunken. Nimm einen Schluck.“ Wortlos griff das Mädchen nach der Lederflasche und trank. Das Wasser war abgestanden und ekelhaft warm. Sie verzog das Gesicht in dem zwanghaften Bemühen die Brühe nicht wieder auszuspucken. „Bäh! Das schmeckt nicht.“ Greg lächelte, nahm die rechte Hand vom Lenkrad und wuschelte durch die Haare seiner Tochter „Ich weiß Spatz, aber bei der Hitze ist es wichtig, dass wir sehr viel trinken. Wir können froh sein, überhaupt genug Wasser dabei zu haben, sonst wären wir längst vertrocknet. Erinnerst du dich an dieses Gerippe, an dem wir vorbeigefahren sind? Willst du, dass so etwas aus uns wird?“ „Nein.“, antwortete sich schnell und erschauderte bei dem Gedanken. Nach kurzem Zögern nahm sie einen weiteren Schluck. „Schmeckt trotzdem nicht! Wann sind wir endlich da?“

„Bald Kleines. Bald.“, war seine Antwort, doch er log. Er wusste weder wie weit sie schon vorangekommen waren, noch wann sie ihr Ziel schließlich erreichen würden. Aber ein Zurück gab es nicht mehr. Greg Dearing hatte seinen Stern an den Nagel gehängt und die Ranger verlassen. Es war eine Entscheidung, die ihn sehr schmerzte, obgleich sie ihm nach wie vor richtig erschien. Mit Herzblut wusste er Recht und Gesetz zu vertreten, doch er liebte seine kleine Tochter zu sehr, als dass er es riskieren konnte, weiterzukämpfen und irgendwann nicht wieder heimzukehren, wie so viele seiner Freunde und Kameraden, die er auf dem Schlachtfeld hatte sterben sehen. Deshalb war er gegangen, hatte die Vergangenheit begraben, um tief im Süden eine neue Zukunft zu finden. Eine Zukunft für ihn und sein kleines Mädchen.

Ihr Ziel war der Hub. Greg Dearing kannte diesen Ort nur aus Erzählungen und war selbst nie dort gewesen, doch es hieß es sei die größte und bedeutendste Stadt im ganzen Ödland. Händler, Karawanen und allerlei fahrendes Volk kamen dort zusammen, um auf den gewaltigen Märkten ihre Waren anzubieten und Neuigkeiten auszutauschen. Für Greg, der einen Neubeginn suchte, war dieser Ort eine offensichtliche Wahl, denn Arbeit gab es dort zuhauf und damit auch genug Möglichkeiten sich ein neues Standbein aufzubauen. Die Reise dorthin war lang, doch er hatte genug Deckel und Vorräte aufgespart, um das Wagnis einzugehen. Also waren sie aufgebrochen. Viele hundert Meilen hatten sie bereits hinter sich gebracht und fuhren nun mitten durch unbewohnte Steppe, die sengende Mittagssonne über ihren Köpfen.

„Wann ist bald?“, quengelte Jade auf dem Beifahrersitz. Greg lachte nur leise und blickte wieder nach vorne. „Du kleiner Quälgeist, wart’s einfach ab.“, meinte er gutmütig und beendete damit das Gespräch.

Er erinnerte sich zurück. Es waren nun schon einige Jahre vergangen, seit er das Mädchen in einem dunklen Verlies gefunden hatte. Sie war nicht von seinem Blut, sondern eine Waise gewesen, und nichts wusste er von ihrer Herkunft oder Vergangenheit, denn sie konnte ihm nicht erzählen, was sie selbst schon lange vergessen hatte. Faktisch waren sie einander fremd, er ihr zu nichts verpflichtet, und doch liebte er sie wie ein Vater das eigene Kind. Da sie ihren Namen nicht mehr wusste, hatte Greg sie Jade genannt, denn ihre Augen, strahlend grün, glühten wie wunderschöne Jadesteine. Und indem er ihr einen Namen schenkte, seinen Namen, machte er sie zu seiner Tochter. Danach änderte sich alles. Fortan sah Greg die Dinge aus einem anderen Blickwinkel, entdeckte Glück wo er es vorher nie gesucht hatte. Nur wenige Monate vergingen, bis er seinen Dienst bei den Rangern quittierte. Es gab viel Gerede, doch das kümmerte ihn nicht. Am Abend vor ihrem Aufbruch, war er mit Captain Janson ein letztes Bierchen trinken gegangen. Lange hatten sie miteinander gesprochen, aber nachdem alle Überredungskunst Greg nicht hatte überzeugen können zu bleiben, waren sie in Freundschaft auseinander gegangen.

„Ein Abschiedsgeschenk. Für viel Blut und Schweiß im Dienste der Ranger.“, waren Jansons letzte Worte an ihn, und er hatte ihm die Schlüssel seines alten Trucks in die Hand gedrückt. „Du hast einen langen Weg vor dir. Nimm ihn, er gehört dir. Du warst immer einer meiner besten, Greg. Viel Glück! Und jetzt fort mit dir!“ 

„Greg, da ist was! Greg, da! Schau mal, da!“, holte ihn Jade plötzlich wieder in die Realität zurück. Sie zappelte aufgeregt auf ihrem Sitz herum und zeigte mit dem rechten Arm aus der fensterlosen Beifahrertür. Der Ex-Ranger bremste den Truck ab. Die Hitze war unerträglich und zuerst konnte er nur ein Flimmern in der Ferne ausmachen. Schweiß lief ihm ins Auge und er wischte sich mit der Handfläche über das Gesicht. Als Greg dann zum zweiten Mal hinsah, konnte er ihn sehen. Hinter einem kleinen Hügel kam ein drahtiger Mann zum Vorschein. Er jagte wie von der Tarantel gestochen durch die Einöde und hielt mitten auf den Truck zu. Doch es war kein Angriff. Der Bursche rannte um sein Leben. Die Kreatur, die ihm immer dicht auf den Fersen blieb, war groß, schnell und wahrlich kein seltener Anblick in dieser Gegend.

„Radscorpion.“, knurrte Greg und griff unter den Fahrersitz. Hervor zog er ein doppelläufiges Gewehr. Die Winchester Widowmaker war alles, was er aus seiner Zeit als Ranger noch mit sich führte. Die Waffe war alt, doch dank liebevoller Pflege in einem ausnahmslos perfekten Zustand. In schönen, geschwungenen Lettern war der Name ‚Bettie’ in das Mahagoniholz am Kolben eingeschnitzt. Eine Erinnerung an Leid und ein gebrochenes Herz. „Du bleibst hier drin!“, bekam das Mädchen zu hören. „Mach auf gar keinen Fall die Tür auf!“

Jade antwortete nicht. Sie starrte wie gebannt auf das ihr dargebotene Schauspiel. Der davonlaufende Kerl war nun besser zu erkennen. Er trug ausgewaschene Bluejeans und eine schwarze Lederjacke. Schulterlanges, dunkelbraunes Haar flog nass geschwitzt hin und her, während er verzweifelt versuchte seine Haut zu retten. Zwecklos. Das Tier hatte nicht nur drei Beinpaare mehr, sondern auch nicht, wie er, mit konditionellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Skorpion sein Opfer erreichen würde. Überrascht zuckte Jade zusammen, als die Fahrertür mit einem lauten Knall zugeschlagen wurde. Der Boden staubte unter Gregs schweren Stiefeln und mit langen Schritten eilte er dem anderen zu Hilfe. Dieser war vielleicht noch dreißig Meter vom Truck entfernt, als er plötzlich strauchelte. Ein paar unbeholfene Stolperschritte bekam er noch zustande, doch dann knickten ihm die Beine weg und er fiel. In der gleichen Sekunde war der Radscorpion über ihm. Der stachelbewehrte Schwanz schnellte nach vorne, ein gequälter Schrei war zu hören, dann donnerten zwei laute Schüsse. Ein Zucken durchlief das Monster, bevor es leblos in sich zusammen sackte. Aus unmittelbarer Nähe hatten zwei Ladungen Schrot die Panzerung am Kopf durchbohrt und das kleine Hirn des Arachniden zerstört.

Greg packte das Gewehr weg, nahm den zappelnden Mann bei den Armen und zog ihn ein paar Meter von dem toten Tier weg. Der Stachel hatte sich durch das Bein gebohrt, eine etwa fingerdicke Wunde klaffte tief im Fleisch. Der Kerl schrie wie am Spieß, als das Gift damit begann Nerven und Muskeln anzugreifen.

„Bleib ruhig Mann, es ist nur das Bein. Du wirst durchkommen. Halt still, verdammt!“

Dann sah Greg die große Tätowierung am Hals des Mannes und er erkannte sie. Schnell durchsuchte er das sich vor Schmerz windende Häufchen Elend und fand einen Flachmann, randvoll gefüllt mit Wasser, jedoch keinerlei Waffen. Wo immer der Bursche her kam, man hatte ihn zum Teufel gejagt. Allein und zu Fuß wäre er nie so weit in das Ödland vorgedrungen, man musste ihn also hier irgendwo ausgesetzt haben.

„Willst du wissen was ich von euch Slaver-Abschaum halte?“, sprach Ex-Ranger kalt. Er stand auf und kippte den Wasservorrat des Verletzten über dessen Gesicht aus. Dieser verstand nicht was mit ihm geschah. Er wandte den Kopf umher, versuchte schützend die Hände zu heben, doch als er es letztendlich schaffte, landete die geleerte Flasche auch schon auf seinem Bauch. Greg nahm seelenruhig wieder das Gewehr zur Hand. Der doppelte Lauf schnappte auf und zwei Patronen fanden ihren Weg in die Kammern.

„Weißt du, Radscorpion Gift ist selten tödlich, es greift nur die Nerven an und verursacht höllische Schmerzen. Nach einer Weile klingt der Schmerz ab, und solange man keine Überdosis erwischt hat, erholt man sich recht schnell wieder.“

Mit diesen Worten legte er Bettie an und zielte. Der Kerl am Boden war noch jung, sicher nicht älter als zwanzig. Greg dachte wieder an den Moment, an dem er das dunkle Kellergewölbe gefunden hatte. Viele Kinder waren dort gewesen, manche geschändet, andere totgeschlagen, der Rest verendet vor Hunger und Durst. Nur eine blieb übrig: Jade. Das Kostbarste, das er in seinem Leben gefunden hatte, versteckt am schlimmsten Ort, den er jemals ertragen musste. Wäre er nicht gekommen, lange Zeit hätte auch sie nicht mehr durchgehalten. Warum die Slaver die Kinder so gequält hatten fand er nie heraus. Es war egal. Der Grund änderte nichts an der Grausamkeit.

„Sowas wie du…“, aber Greg beendete den Satz nicht. Seine Zähne knirschten. Es gab keine Worte für den Zorn und den Hass, den er gegen diese Art von Mensch entwickelt hatte. Menschen, die zum Spaß töten, die Schwachen knechten und wie Vieh behandeln. Raider, Slaver, in einem Wort: Abschaum. Der Junge öffnet die Augen, streckte einen Arm aus und sah Greg mit einem flehenden Blick an. „H-Hilfe!“, bettelte er unter Mühe eine Stimme hervorzubringen. „Bitte!“ Aber da war kein Mitleid. Greg dachte an die Kinder. Ihre kleinen, toten Körper. So jung, so unschuldig. Er richtete die Waffe auf den Unterleib des Slavers und schoss. Zweimal donnerte es. Der junge Mann heulte auf, seine beiden Oberschenkel waren völlig zerfetzt. „Verrecken sollst du!“, grollte der Ex-Ranger. „Langsam ausbluten, wie ein Schwein! Denn genau das bist du! Du und deine Leute!“ Er spuckte angewidert aus, dann drehte er sich um und ging zurück zum Truck. Mit finsterer Mine stieg er ein, schloss die Tür hinter sich und startete den Motor.

„Was ist mit dem Mann?“, fragte Jade aufgeregt und blickte ihn mit großen Augen an. Zuerst starrte Greg nur geradeaus in die Ferne, doch dann lächelte er sie traurig an, legte die rechte Hand auf ihren Kopf, beugte sich zu ihr und küsste ihre Stirn. “Es war ein böser Mann. Ein Slaver. Die Wildnis hat ihn sich geholt und er hat es verdient.“ Eindringlich sah er sie an, sah das dürre, halb tote Mädchen auf dem kalten Betonboden, eingesperrt in einer dreckigen Zelle.

„Diese Leute sind böse, Jade. Schlimmer als wilde Tiere! Sie säen Hass und Gewalt, behandeln Menschen wie Vieh und verachten das Leben. Deshalb verachte ich sie!“

Sie fuhren weiter. Der Slaver hörte den davonbrausenden Truck und weinte vor Schmerz und Verzweiflung. Noch viele Stunden litt er, bevor ihn endlich der Tod ereilte und ihn von seinen Qualen erlöste. Was Greg Dearing nicht wusste war, dass der junge Mann von seinen eigenen Clanbrüdern ausgesetzt worden war. Er hatte mehreren Sklaven zur Flucht verholfen und der Gilde den Rücken gekehrt.


Fortsetzung folgt...