Autor Thema: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)  (Gelesen 2638 mal)

Offline Cerebro

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Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« am: 04. Oktober 2008, 20:48:22 Uhr »
Kapitel 6 – Wenn Helden sterben…

Helden – Die Lüge
Wenn Helden sterben, trauert meist ein ganzes Volk um den Verlust. Klagelieder schallen durch leergefegte Straßen. Frauen, Kinder und alte Leute weinen. Männer gehen mit gesenktem Haupt, den Mut verloren. Sie alle pilgern zu den letzten Ruhestätten ihrer Hochgelobten. Schmücken die Gräber und beten um Beistand. Nie werden die Menschen sie vergessen. Ihre Denkmäler werden noch in ferner Zukunft über sie wachen und ihnen Hoffnung und Trost spenden.


Der Tod des Greg Dearing

~18:23 Uhr~
Regen prasselte gegen das Fenster. Ja, Regen. Die Tage an denen er Zeuge eines solch unglaublich seltenen Ereignisses gewesen war, hätte Greg Dearing, trotz seiner vielen Jahren auf dieser Welt, an einer Hand abzählen können. Aber niemand war draußen, um sich zu freuen, sich im kühlen Nass zu erfrischen oder es aufzufangen. Dieses Wasser brachte nur Unheil. Sauer war es. Saurer Regen, der sich durch Kleidung fraß und die Haut verätzte. Jeder, der jetzt kein Dach über dem Kopf hatte, befand sich in ernsten Schwierigkeiten. Es hieß, mit den Jahren sei der Regen milder geworden, doch auch wenn er einst selbst Blech oder Holz hatte durchlöchern können, so war er auch heute noch immer gefährlich genug, Mensch und Tier ernsthaften Schaden zuzufügen. Ein paar Tropfen abzubekommen war schmerzhaft, ungeschützt im Schauer zu stehen dagegen lebensgefährlich.

Greg sah aus dem Fenster, beobachtete die leergefegten Straßen und dachte an Jade. Wo war sie jetzt? Ging es ihr gut? Diese Fragen raubten ihm den Schlaf und sein Herz war voller Sorge. Vor vielen Tagen hätte sie bereits heimkehren sollen, doch niemand war gekommen. Nichteinmal Nachricht über den Verbleib des Caravans, mit dem sie gezogen war, hatte ihn erreicht. Nichts. Er wusste gar nichts und das quälte ihn mehr als alle bitteren Wahrheiten zusammen.

~18:57 Uhr~
Die Sonne war mittlerweile untergegangen und tiefschwarze Gewitterwolken verbreiteten eine makellose Finsternis. Der Sturm war nun direkt über ihnen. Viele, die ein solches Unwetter zum ersten Mal erlebten, befürchteten die Welt würde erneut untergehen. Donner grollte bedrohlich in der Dunkelheit, wechselte sich mit hellen Blitzen ab, die die Schwärze für einen kurzen Moment zerrissen, mancherorts in Häuser einschlugen und dort schwere Schäden anrichteten. Dazu heulte unbändiger Wind durch alle Gassen und schleuderte alles umher, was nicht in der Lage war dieser Naturgewalt zu trotzen.

„Wo immer du bist, Mädchen, ich hoffe du steckst nicht in diesem Sturm fest…“, murmelte Greg zu sich selbst und zog nach langer Zeit endlich die Vorhänge zu. Seine Glieder waren ihm schwer. Fast 48 Stunden war er nun auf den Beinen und langsam verließen ihn die Kräfte. Alle Geschäfte und Verhandlungen hatte er bis auf weiteres abgesagt und seine Gedanken drehten sich ausnahmslos um seine Tochter Jade. Irgendetwas war geschehen, das wusste er tief in seinem Innern.

Mehr gezwungen als gewollt beschloss er sich hinzulegen. Auf dem Weg in sein Schlafzimmer begegnete er Pablo, der sich in der Küche einen Kaffee gekocht hatte. Seine Schicht begann um sieben und er war gerade auf dem Weg zu seinem Posten. „Pablo, ich werde schlafen gehen.“, wandte sich Greg an den Halbspanier. „Mir geht es nicht sehr gut. Mach dir einen ruhigen Abend. Solange der Sturm tobt, wird sich keiner auf die Straße trauen.“ „Sí Señor Dearing. Ich werde Eric draußen etwas Gesellschaft leisten. Gute Nacht Señor, schlafen Sie gut.“, antwortete der Wächter und nickte dem alten Mann zu. Irgendwie sah er bekümmert aus, doch Greg, in seine eigenen Gedanken vertieft, bemerkte nicht den unglücklichen Ausdruck auf Pablos Gesicht und nahm kommentarlos die Treppe nach oben in den ersten Stock, wo er in seinen privaten Räumen verschwand. Pablo Munez ging derweil durch das große Hauptportal und trat vor die Tür. Die Frontseite des Gebäudes wurde vom Obergeschoss weitläufig überdacht, so dass keine Gefahr bestand, nass zu werden. Das große Haus hatte – wie fast alle Ruinen im Hub – nur aus einem Erdgeschoss bestanden, doch Greg Dearing hatte viel Zeit und Geld dafür verwendet, ein neues Stockwerk anzulegen und die gebotenen Räumlichkeiten zu sanieren und auszubauen. Da er selbst mit Baustoffen und Werkzeugen Handel betrieb, war die Beschaffung des Materials kein Problem gewesen und auch Arbeiter gab es im Hub mehr als genug. Das Ergebnis war eines der schönsten und neusten Häuser der Stadt, welches heute zu Gregs letzter Ruhestätte verkommen sollte…

~19:05 Uhr~
Eric Hutton stand an die Hauswand gelehnt im Freien und betrachtete den Sturm, der nur wenige Meter von ihm entfernt durch die Straßen tobte. Fast geräuschlos öffnete sich die Haustür und Pablo Munez kam aus dem Inneren herausgeschlurft. In der Hand hielt er einen dampfenden Pappbecher voller Kaffee, an dem er vorsichtig nippte. Eric zog mit gekräuselter Stirn an der Zigarette, die er sich vor ein paar Minuten angezündet hatte und atmete stinkenden Qualm aus. Wäre es nicht so windig gewesen, hätte Pablo ein Dutzend Zigarettenstummel auf dem Boden liegen sehen, doch diese waren bereits alle davongeweht worden, obwohl diese Stelle noch recht geschützt lag und hier relativ wenig von den heftigen Böen zu spüren war.

„Wo ist er?“, fragte Eric seinen Kollegen, ohne ihm ins Gesicht zu sehen. „Nach oben.“, bekam er zur Antwort. „Er sagte, es ginge ihm nicht gut und er wollte schlafen gehen.“ Hutton nickte stumm. Er war der erste von Gregs Angestellten gewesen. Im Laufe der Jahre wurde er zu einer Art ‚Rechten Hand’ für seinen Boss und hatte alle anderen Wachleute und Angestellten unter sich. Die einzigen, die ihm hier etwas zu sagen hatten, waren der alte Dearing selbst und seine Tochter Jade, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis pflegte.

„Der Sturm kam aus dem Nichts, ich glaube nicht, dass sie sich heute blicken lassen.“, murmelte Pablo und nahm einen weiteren Schluck aus dem Becher. „Diese gottverdammten Wichser…“, brummte Eric barsch. „Hoffentlich hat der Schlag sie getroffen. Aber es ist noch viel zu früh. Wer weiß, ob der Sturm die ganze Nacht so weitertobt.“ Er spuckte die Kippe aus, die sofort, vom Wind getragen, in der Dunkelheit verschwand. „Komm.“, sagte er dann zu dem Latino. „Gehen wir rein. Von der Küche aus haben wir einen guten Blick nach draußen. Wir pokern ne Runde und warten, ob noch etwas passiert.“

~22:42 Uhr~
Immernoch trommelte der Regen gegen die Fenster und immernoch blitzte, donnerte und stürmte es durch den Hub. Eric und Pablo saßen seit Stunden in der Küche und versuchten die Zeit totzuschlagen, während Greg den unruhigen Schlaf der Erschöpften schlief. Er hatte sich in voller Montur hingelegt und war rasch eingeschlafen. Nur seine Stiefel standen vor dem Bett und die Deagle hatte er, wie es seine Gewohnheit war, in Griffweite auf den Nachttisch gelegt. Er selbst lag auf dem Rücken. Seine Augen waren geschlossen, doch sie bewegten sich. Er träumte.

Greg lief durch muffige Kellergewölbe. Die alte Petroleumlampe, die er trug, war alles, was die dicke Schwärze hier unten einige Meter zurückweichen ließ. Kein Laut war zu hören, doch ein modriger und leicht süßlicher Gestank war allgegenwärtig. In diesem ‚Loch’ lauerte der Tod. Greg bog um eine Kurve und kam in einen breiten, langen Korridor, dessen Ende in der Finsternis nicht auszumachen war. Zu beiden Seiten waren, in regelmäßigen Abständen, schwere Stahltüren in die Wände eingelassen. Der Gestank wurde intensiver. Er trat an die erste Tür und öffnete mit der freien Hand den Sehschlitz, der auf Augenhöhe in den Stahl eingearbeitet war. Mit der anderen Hand hob er die Lampe hoch und sah in den angrenzenden Raum. Ein dürres, ausgemergeltes Etwas lag dort im Schmutz. Ein Kind. Greg stellte sein Licht auf den Boden und öffnete mit beiden Händen die massive Tür. Krächzend schwang sie auf und er trat in die kleine Kammer. Das Kind, ein Mädchen, war tot. Stumm starrten ihre leeren Augen an die Decke. Ihre verkrusteten Lippen waren trocken wie Sand, die Haut wie dünnes, fast durchsichtiges Pergament straff über die zierlichen Knochen gespannt. Man konnte deutlich jede einzelne Rippe ausmachen. Der Zustand ihres Körpers ließ Greg erahnen, wie lange und qualvoll ihr Kampf gegen das Dahinscheiden gewesen sein musste. Voller Kummer und Zorn schloss er der armen Seele die Augen. Sie waren grün, grün wie Jadesteine. Er war zu spät gekommen.

~23:54 Uhr~
„Gleich Mitternacht.“, seufzte Eric und warf seine Kippe in den noch halbgefüllten Kaffeebecher. „Falls sie wirklich kommen, ist es gleich soweit. Geh nach oben zum Boss und schau nach ihm. Ich geh schonmal vor die Tür.“ „Ich soll zum Boss hoch? W-Was ist, wenn er wach ist?“, stotterte der Spanier aufgeregt. „Keine Ahnung. Tisch ihm irgendwas auf. Denk dran: Sein Arsch oder unserer!“ Damit stand Eric auf und löschte das Licht im Zimmer. Er ging nach draußen, während Pablo sich auf den Weg ins obere Stockwerk machte. Der Sturm war fast vorübergezogen. Zwar regnete es noch immer, doch weniger stark. Der Wind hatte nachgelassen und nur noch ab und zu hörte man es gewittern. Ein heller Vollmond durchbrach die dicke Wolkendecke, gab den Blick frei auf die verwaisten Straßen. Eric Hutton starrte in die Dunkelheit, die Hände zu Fäusten geballt. Ein paar Minuten stand er da, doch nichts war zu sehen. Dann schwang die Haustür auf und Pablo Munez trat neben ihn. „Er schläft…“, meinte der Latino knapp. Eric nickte. Die beiden warteten. Plötzlich regte sich etwas…

~00:07 Uhr~
Vier dunkle Gestalten stapften durch den Regen und hielten direkt auf das Haus zu. Sie waren vollkommen in lange Regenmäntel gekleidet, die bis kurz über den Boden reichten. Die Köpfe unter weiten Kapuzen verborgen, die Gesichter verhüllt. Schwere Gummistiefel und Handschuhe komplettierten das Bild. Zwei der vier trugen große Taschen. Waffen, sofern sie welche mit sich führten, doch davon war auszugehen, blieben unter der Schutzkleidung verborgen. Ihre Mäntel schimmerten im Mondlicht. Sie waren aus einer Art Kunststoff, dem das saure Nass scheinbar nichts anhaben konnte und ohne Schaden anzurichten perlten die Tropfen an ihnen ab. Schließlich erreichte das Quartett das Grundstück Dearings. Niemand hinderte sie, als sie es betraten, denn der Hof war unbewacht und das Tor nicht verschlossen.

„Verdammt!“, murmelte Eric zu sich selbst. „Der alte Mann war wie ein Vater für mich und jetzt ramme ich ihm ein Messer in den Rücken.“

Die vier kamen vor Pablo und Eric zum stehen. Winzige Rauchwölkchen dampften, wo dicke Tropfen von den Mänteln glitten und auf dem trockenen Boden ihr Ende fanden. „Einen wunderschönen guten Abend die Herren.“, sprach eine unangenehme Stimme, die kaum einzuordnen war. „Wie ich sehe, haben Sie bereits auf uns gewartet. Schön. Berichten Sie…“ Eric übernahm das reden, während der Latino Pablo nur nervös dastand und mit der Zunge seine Zähne umspielte, wie immer, wenn er aufgeregt war. „Alles wie besprochen. Nur noch Pablo und ich sind auf dem Grundstück. Die anderen habe ich heute Nachmittag fortgeschickt. Dearing hat keinen Verdacht geschöpft. Sie haben ihren Anteil genommen und die Stadt sicher bereits verlassen. Der Boss liegt oben in seinem Zimmer und schläft. Die Treppe hoch, dritte Tür rechts.“ „Gut. Sehr gut. Was ist mit dem Mädchen?“, fragte die schwarze Gestalt. Das Schmunzeln, welches die Lippen seines Gegenübers umspielte, konnte Eric nicht sehen, ebensowenig wie die kalten Augen, die ihn fixierten. Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Sie ist vor Wochen mit einem Caravan nach Frisco abgezogen und hätte seit Tagen wieder zurück sein müssen. Irgendwas muss passiert sein, der Boss macht sich deswegen große Sorgen.“ „Ein Caravan nach Frisco!?“, kam es wieder unter der Kapuze hervor. „Verstehe. Wirklich ein Jammer um das süße Ding. Ich hätte sie wirklich gerne… kennengelernt.“ „Sie wissen etwas!? Was ist da passiert?“, fragte Eric. „Wir sind nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten, Mister Hutton.“, zischte der Vermummte und gab mit zwei Fingern ein Zeichen. Einer seiner Begleiter trat hervor und stellte eine der großen Taschen auf den Boden. Sie war mit einer Art Plane umwickelt, scheinbar aus demselben abweisenden Material wie die Mäntel der vier. Zwei zusammengefaltete Bündel wurden ausgepackt. Der Unbekannte warf Pablo und Eric je eines davon zu und der Anführer ergriff wieder das Wort. „Wir haben zwei Regencapes für Sie mitgebracht. In der Tasche befinden sich außerdem noch die 6000 Deckel, die man Ihnen als Restzahlung versprochen hat. Einer meiner Kollegen wird jetzt mit mir hinein gehen, während die anderen beiden hier eine Weile auf Sie aufpassen. In der Zwischenzeit bitte ich Sie die Capes anzulegen und sich bereitzuhalten. Wenn wir wiederkommen und alles zu unserer Zufriedenheit abgewickelt ist, können Sie gehen.“ Der Mann nickte einem seiner Männer zu und sie stapften an Eric und Pablo vorbei und betraten das Haus. Die beiden Wachmänner mühten sich derweil unter den aufmerksamen Augen der Aufpasser in die Regenkleidung.

~00:13 Uhr~
Im Haus war alles still. Zwei dunkle Gestalten huschten wie Geister durch die Schatten und näherten sich der Treppe zum ersten Stock. An deren Fuß blieb die eine stehen, während die andere sie lautlos zu erklimmen begann. Oben angekommen schlich sie zielsicher nach rechts und öffnete leise die dritte Tür zum Schlafzimmer Greg Dearings. Dieser lag noch immer in unruhigem Schlaf. Der dunkle Besucher trat an das Bett heran. Noch immer tropften kleine Wasserperlen von seiner plastikähnlichen Kleidung. Es zischte leise, wenn diese auf den Teppichboden fielen, doch das Geräusch ging in dem Geprassel der an die Scheibe klatschenden Regentropfen unter und blieb ungehört. Die Gestalt sah die große Pistole auf dem Nachttisch liegen. Eine Desert Eagle .44er Magnum. Sie griff danach und betrachtete die Waffe im Schein des einfallenden Mondes. Ein schönes Stück. Alt, aber wunderbar erhalten. Die mitgeführte, schallgedämpfte Glock blieb verborgen. Stattdessen spannte der Killer den Hahn der Deagle und richtete sie auf Greg Dearings Stirn. Ein Grinsen umspielte die Mundwinkel des Phantoms. Mit eiskalten, wahnsinnigen Augen sah es sein Opfer an.

„Welch Ironie des Schicksals, durch die eigene Waffe zu fallen, nicht wahr Mister Dearing!?“, säuselte es kaum hörbar unter der Kapuze. In der Ferne blitze es auf. Der Killer wartete ruhig auf den Donner…

In diesen letzten Sekunden träumte Greg Dearing von einer der vielen Schlachten, denen er beigewohnt hatte. Unzählige Verbrecher, Slaver und Raider waren durch seine Hand gefallen. Unzähliges Blut war durch seine Hände geflossen. Ein Kämpfer und Krieger war er gewesen. In seinem Ermessen stets für das Gute gekämpft, hatte dennoch so manch Unschuldiger durch ihn den Tod gefunden. Aber was bedeutete das Wohl eines Einzelnen gegen das Wohl von Vielen!? Er stand auf dem Schlachtfeld. Allein. Tote Kameraden zu seinen Füßen: Bettie, Thomas, Janson und unzählige andere... Der Feind stürmte aus allen Himmelsrichtungen heran. Laut donnerte die Widowmaker. Blut spritze, Leben erlosch. Greg lud das Gewehr nach. Er spürte, dass sich ihm jemand von hinten näherte. Er hörte die Schritte schwerer Stiefel, wie sie im Matsch versanken. Wild wirbelte er herum und schoss blind, einen Kampfschrei in der Kehle und Hass in den Augen. Die Person, keine zwei Meter von ihm entfernt, war eine junge Frau. Sie hielt sich den blutenden Bauch und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ihre Augen. Grün funkelten sie. Ein Jadegrün, das Gregs Herz durchbohrte. „Nein!“, schrie er. „NEIN !!“

Eine Träne entfloh dem geschlossenen Auge des alten Mannes, rann seine Wange hinab und träufelte in das weiche Kissen, auf dem sein Kopf ruhte. „Nein.“, wisperte er im Schlaf, scheinbar von schlimmen Träumen geplagt. „Nein.“ Draußen donnerte es und mit dem Donner ertönte der Schuss. Gregs Stirn platze auf und die Kugel bohrte sich durch seinen Schädel. Blut durchtränkte das Kissen. Ein letzter Atemzug verließ die Lungen des alten Kriegers, der zum liebenden Vater geworden war, und beendete sein Dasein auf dieser Welt. Der Tod kam schnell und ohne Schmerzen, doch nicht so, wie er ihn sich immer vorgestellt hatte. Kein ruhmreicher Abgang in der Schlacht. Kein friedvolles Dahinscheiden, die Hand der Tochter haltend. Ein schmutziger Mord beendete es. Verraten hatte man ihn. Wehrlos aus dem Weg geräumt…

~00:15~
Der Mörder verließ ruhigen Schrittes das Schlafzimmer und stieg die Treppe hinab. „Was ist los?“, flüsterte die Gestalt, die unten gewartet hatte. „Was war das für ein Schuss? War der Alte wach?“ Der Anführer klopfte seinem Kumpanen beruhigend auf die Schulter. „Nein, alles bestens. Nur eine spontane Planänderung, die ich für recht amüsant hielt.“ Die beiden durchquerten das Erdgeschoss und kehrten ins Freie zurück. „Nun Mister Hutton, Mister Munez, Sie haben Ihr Wort gehalten, wir halten das unsere. Die Sache ist beendet, Sie können gehen. Ich rate Ihnen die Stadt schnell zu verlassen und Stillschweigen zu bewahren. Glauben Sie mir, Sie würden es bereuen uns in den Rücken zu fallen. Ach… und Mister Hutton: Bestellen Sie Ihrer Frau und Sohn schöne Grüße von mir.“ Huttons Blick war finster, doch er antwortete nicht. Wie gerne hätte er diesem Bastard den Hals herumgedreht, doch ihm waren die Hände gebunden. Die Liebe zu seiner Familie hatte ihn zum Verräter werden lassen. Er schämte sich seiner selbst und würde nie wieder einen Fuß in diese verfluchte Stadt setzen. Der Killer konnte sich ein amüsiertes Kichern nicht verkneifen, doch ohne Vorwarnung wechselte seine Stimmung wieder. „Beeilen Sie sich.“, sprach er, nun wieder völlig humorlos. „Der Sturm kam unerwartet, doch keinesfalls ungelegen. Kaum einer wird Notiz von Ihnen nehmen, die Straßen sind wie ausgestorben.“ Pablo packte die mit Deckeln gefüllte Tasche und griff mit der freien Hand nach Erics Arm. „Komm Eric, wir verschwinden jetzt! Komm, komm!“ Wut und Verzweiflung glomm in Eric Huttons Augen. Widerwillig ließ er sich davonziehen und die beiden Verräter verschwanden schnellen Schrittes in der Nacht.

Der Killer wandte sich ab und seinen drei Begleitern zu. „Sputen wir uns. Noch sind wir hier nicht fertig.“ Einer der vier brachte die zweite Tasche zum Vorschein. Der Inhalt wurde unter allen verteilt. Sie betraten das Haus und brachten den Job zu Ende…

~00:30 Uhr~
Der Regen hatte nun fast aufgehört. Noch immer wagte sich niemand auf die Straße und alles war still, als plötzlich eine gewaltige Explosion die Hights erschütterte. Greg Dearings Anwesen – oder besser das, was nach dem lauten Knall noch davon übrig geblieben war – stand innerhalb von Sekunden in Flammen und brannte ungehindert bis auf die Grundmauern nieder. Seine Lagerräume und Waren wurden vollständig vernichtet. Alles was er sich in vielen Jahren der harten Arbeit aufgebaut hatte, verwandelte sich binnen Minuten zu Ruß und Asche.

Später, als der Regen vollständig abgeklungen und die Polizei erschienen war, gab es bereits nichts mehr zu retten. Alle Hinweise, hatte es je welche gegeben, waren verwischt und in dem Brand verloren gegangen. Im Nachbargebäude, den Unterkünften der Wachleute Dearings, hätte man drei Leichen finden können, wäre auch dieses Haus nicht den Flammen anheim gefallen. Es waren jene Männer, die sich nicht hatten schmieren oder einschüchtern lassen. Ihre Treue wurde mit dem Tod belohnt. Die Leiche Dearings wurde ebenfalls nie gefunden, doch hatte man ihn gegen Mittag in sein Haus gehen und es bis zum Ausbruch des großen Sturmes nicht wieder verlassen sehen. Stattdessen waren viele seiner Angestellten am Nachmittag auf dem Market gesichtet worden. Das ganze stank so gewaltig nach einer Verschwörung, dass selbst die einfältigsten unter den Dummen nicht an einen Unfall glaubten. Doch Dearings Leute waren nicht mehr aufzutreiben. Niemand wusste etwas oder machte den Mund auf. Der Fall blieb ungelöst und wanderte schnell zu den Akten. Mit der Zeit wuchs Gras über die Geschichte und keiner außer einem einzigen Menschen scherte sich bald mehr darum.

Helden – Die Wahrheit
Wenn Helden sterben, sterben sie meist allein. Es gibt keine Klagelieder, keine Denkmäler, nichteinmal Blumen oder Gebete. Die Menschen weinen nicht um sie und die Erinnerung an sie wird verblassen. Hoffnung und Trost sind die Träume einer Saat, die niemals aufgehen wird, in einer Welt, die bereits im Sterben liegt. Helden sind jene, die sich aufopfern. Doch ihr Tod ist umsonst, denn die Ideale für die sie leben, sind der Grund warum sie sterben.


Fortsetzung folgt…
« Letzte Änderung: 04. Oktober 2008, 21:18:52 Uhr von Cerebro »

Offline F0lem

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #1 am: 04. Oktober 2008, 20:59:55 Uhr »
Atmosphäre und Spannung pur, rockt.  :D

Offline Jessica

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #2 am: 04. Oktober 2008, 21:00:28 Uhr »
Ja, rockt total ^^ Bisher die beste Geschichte, finde ich.
Zitat
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  /l、
゙(゚、 。 7
 l、゙ ~ヽ
 じしf_, )ノ

Ashley (SF)

Offline Lexx

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #3 am: 04. Oktober 2008, 21:28:22 Uhr »
Dito, rockt. :) Ich hab gerade nebenbei Tryad gehört und witzigerweise ging der Spannungsbogen immer genau mit dem Text mit. War ziemlich cool .
only when you no-life you can exist forever, because what does not live cannot die

Offline Cerebro

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #4 am: 04. Oktober 2008, 21:48:18 Uhr »
Muchas gracias! Hört man gerne !!
Comments (positive wie negative) motivieren mich auch immer, weiter am Ball zu bleiben. :)

In Teil 7 wird Jade in den Hub zurückkehren und ihre altes Leben in Trümmern vorfinden. Die Sache mit ihrem Freund Logan wird aufgeklärt und sie erhält endlich ihre zweite Waffe, die Deagle Namens 'Greg', die ihr Vater getragen hat und durch die er letztendlich auch umkam.

Stay tuned.  O0

Offline Micky

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #5 am: 04. Oktober 2008, 22:47:01 Uhr »
Großes Kompliment, bisher der beste Teil. Geile Atmo von Anfang bis Ende. Gregs Tod hat mich echt auf die eine oder andere Art berührt. Hab fast geflennt, lag wahrscheinlich dran das ich Coldplay nebenbei gehört hab.

Ich freu mich jetzt scho wieder auf Teil 7. Da is Jade dann wieder am Start.


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Offline Molot

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #6 am: 31. Oktober 2008, 10:11:32 Uhr »
Boah, ernsthaft... Ich hatte Gänsehaut beim lesen... Vorallem die letzten 3 Teile gingen echt unter die Haut...  #thumbsup #thumbsup
Wer ist dieser Molot eigentlich?!

Heute singt für Sie...


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Offline Cerebro

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #7 am: 31. Oktober 2008, 10:31:42 Uhr »
Danke, das hört man doch immer wieder gerne! :D

Nehme mir mal vor mich dieses WE an Kapitel 7 zu setzen... die Pause jetzt war schon sehr lang.

Offline Micky

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #8 am: 31. Oktober 2008, 14:45:41 Uhr »
Juhu! Endlich wieder Lese Feinkost von Cerebro. :D


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Offline Gauss

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #9 am: 21. November 2008, 10:53:29 Uhr »
endlich dazu gekommen und auch den letzten teil gelesen. ich bin wirklich beeidnruckt cere. es ist wirklich toll jemanden im forum zu haben, der sich soetwas aus den fingern saugen kann. abgesehen von den SLs. ganz großes lob von mir.

btw: was mich zum schmunzeln gebracht hatte:

Zitat
...6000 Deckel, die man Ihnen als Restzahlung versprochen hat

wenn man sich vorstellt, dass wir im cafe einen massenmord für 1000 deckel für jeden begehen  ;D
With no guide by my side just this heart counting down out of time...

Offline Molot

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Re: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 6)
« Antwort #10 am: 21. November 2008, 11:32:47 Uhr »
Du sprichst von Rufio, jeder andere hat ideale, die er so für sich verfolgt...


BTW: Kriegst gleich noch ne PM... Also lesen...;)
Wer ist dieser Molot eigentlich?!

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