Autor Thema: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 2)  (Gelesen 1386 mal)

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Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 2)
« am: 17. September 2008, 22:39:17 Uhr »
Kapitel 2 - Morgendämmerung

Eine fast idyllische Stille lag in der Luft, als sich die Morgensonne träge über den Horizont schleppte und ihren rötlichen Schein verbreitete. Ein trügerischer Frieden. Aus ihrer Deckung heraus konnten sie das Camp der Slaver beobachten. In einem winzigen Talkessel, ringsum eingeschlossen von Bergen und somit effektiv vor neugierigen Blicken abgeschirmt, war es bereits das fünfte, welches sie innerhalb der letzten paar Monate aufgestöbert hatten. Aus irgendwelchen Gründen florierte der Handel mit Sklaven in diesem Teil des Ödlands besonders gut und die Clans und ihre ‚Sammellager’ schossen wie Unkraut aus dem Boden.

Ihr Trupp war zu acht: Bettie, sein Freund Thomas, er selbst und fünf weitere, deren Namen er nicht kannte. Janson, der den Einsatz leitete, hatte ein weiteres Dutzend Männer auf der gegenüberliegenden Seite des Tals Stellung beziehen lassen, während sich mehrere Scharfschützen über das Gelände verstreut versteckt hielten und auf ihr Zeichen warteten.

Der Ranger strich über seine Winchester Widowmaker. Dies war sein Werkzeug, sein Instrument. Viele Leben hatte er damit ausgelöscht, viele weitere würden heute folgen. Die acht huschten ungesehen durch das dichte Gestrüpp und bald lag das Sklavenlager direkt vor ihnen. Vier wackelig konstruierte Türme aus Holz, Schrott und Wellblech markierten die Ecken, während ein löchriger Maschendrahtzaun und ausgelegter Stacheldraht es umzäunte. Hier und da rostete ein altes Autowrack vor sich hin, aber die Straße, die hier einst verlaufen sein musste, war längst vergessen und die Natur hatte sich dieses Fleckchen Erde zurückerobert. Vereinzelt wuchsen Bäume, und das hohe Gras, sowie einige natürliche Steinformationen, boten ausreichend Deckung für die Angreifer. Alle vier Wachtürme waren besetzt, doch sonst befanden sich nur wenige zu dieser frühen Stunde auf den Beinen. Ihre Feinde schienen keine allzu große Bedrohung darzustellen. Der Großteil der Slaver trug nur einfache Lederrüstungen oder grob zusammengezimmerte Metallplatten und war, abgesehen von Messern, Speeren und Knüppeln, selten mit mehr als Jagdgewehren oder leichten Maschinenpistolen bewaffnet. Alles in allem müsste die Sache relativ problemlos über die Bühne gehen. So dachten sie jedenfalls…

Dann ging der Tanz los. Ein ohrenbetäubender Knall durchpflügte die noch bis vor wenigen Sekunden vorherrschende Stille, ebenso wie den Schädel eines unglücklichen Sklavenhändlers, als ein Geschoss Kaliber .50 ungehindert durch ihn hindurch schlug. Blut spritzte und der zuckende Körper des Getroffenen geriet so ins Wanken, dass er von dem Turm fiel, auf dem er Wache gestanden hatte. Dies war das Zeichen. Unmittelbar folgten weitere Schüsse und die klug platzierten Sniper hatten innerhalb kürzester Zeit alle Türme ausgeschaltet. Die Verteidigung des Lagers lag brach, der Sturmangriff begann.

Lieutenant Bettie Connors war die erste, die den Schutz der Sträucher verlies und zum Angriff überging. Sie war ein tollkühnes Weibsbild und stand im Dienstgrad direkt unter Captain Janson. Der Ranger mit der Widowmaker blickte ihr voller Bewunderung hinterher. Er liebte sie, ihre Stärke, ihre Verbissenheit, ihren Mut; doch nie hatte er über seine Gefühle gesprochen. Wahrscheinlich würde so eine Frau wie Bettie ihn einfach auslachen und stehen lassen, dennoch war er fest entschlossen sein Glück in dieser Sache noch auf die Probe zu stellen. Vielleicht nach dieser Mission, vielleicht nach der nächsten. Allerdings war für derlei Gedanken jetzt keine Zeit, er rannte los. Eine gut platzierte Granate riss das klapprige Haupttor des Camps in Stücke und verschaffte ihnen so Zugang. Ihre City-Killer fest im Griff, preschte Bettie voran. Das Metall der Waffe funkelte im Schein der Sonne wild auf, als sie das Tor passierte und gleich den ersten Slaver in den Tod schickte, der dumm genug gewesen war, sich ihr offen entgegenzustellen.

Chaos brach aus. Das schrille Läuten von Glocken kündigte die Eindringlinge an und Slaver stürmten aus den Baracken, kamen aus allen Himmelsrichtungen herbeigeeilt, während sich der zweite Rangertrupp unterdessen von der gegenüberliegenden Seite Eintritt verschafft hatte, und ein blutiges Scharmützel im Zentrum des Camps begann. Zuerst lief alles mehr oder weniger nach Plan. Die Waffen ihrer Feinde hatten den schwer gepanzerten Kampfrüstungen der Ranger wenig entgegenzusetzen und es gab kaum Verluste zu beklagen. Allerdings hatte man die Zahl der Slaver unterschätzt, denn immer mehr krochen aus allen möglichen Verstecken und Behausungen hervor, und bald waren die Angreifer deutlich in der Unterzahl. Es wurde immer unübersichtlicher. Irgendwann verloren sich die Teams im dichten Getümmel und wurden auseinander gedrängt. Der Ranger Thomas Mac Neill geriet ins Kreuzfeuer. Er stand allein und chancenlos, doch der Zufall wollte, dass sein Freund ihn fand. Die Widowmaker donnerte, tötete. Den beiden gelang es, sich freizukämpfen und sie zogen sich zurück, um dem heftigen Beschuss zu entgehen. Das Gefecht war erbarmungslos. Sklavenpferche, die überall umherstanden, verkamen zu unehrenhaften Deckungen, denn die dort Eingesperrten fanden dort, hilf- und machtlos wie sie waren, einen bitteren Tod im Kugelhagel. Bettie kämpfte unterdessen noch immer im dicksten Getümmel. Auf einem weitläufigen Platz in der Mitte des Lagers stand sie und ein immer breiter werdender Kranz aus Leichen wuchs um sie herum. Das Kampfgewehr donnerte ein ums andere mal. Nichts und niemand schien ihr Einhalt gebieten zu können. Mehrere Kugelsalven prasselten auf ihre Rüstung, doch die Panzerung hielt stand, während das Psycho in ihren Venen sich mit Adrenalin vermischte und ihr Blut zum kochen brachte.

Dort sah er sie, nicht weit entfernt von seiner eigenen Position hinter einem umgekippten Brahminkarren. Diese unzähmbare Frau, in seinen Augen so wunderschön und stark. Doch als sein Blick auf sie fiel, surrte plötzlich ein heller Blitz durch die Luft und fuhr mitten durch ihre Brust hindurch, ein faustgroßes, qualmendes Loch zurücklassend. Verwundert blickte Bettie ihren Körper hinab und der Geruch von verbranntem Fleisch umhüllte sie. Dann sackte sie auf die Knie. Ein weiteres Mal knisterte die Luft. Das zweite Geschoss riss ihr den rechten Arm ab und die City-Killer flog durch die Luft, funkelte im Schein der Morgendämmerung ein letztes Mal. Die Frau wollte noch etwas sagen, doch statt Worte entfloh nur Blut ihrem Mund, und sie kippte zu Boden und stand nicht mehr auf.

In diesem Moment brach seine Welt zusammen und mit ihr starb auch ein Teil von ihm. Der ganze Kampfeslärm hallte nur noch dumpf in seinem Kopf und als er aus dem Augenwinkel Thomas an sich vorbeistürmen sah, kümmerte es ihn nicht. Sein Freund kam nicht weit. Aus einer der Wellblechhütten stapfte ein riesiger, breitschultriger Mann in Metallrüstung. Sein Gesicht war entstellt und in den klobigen Händen hielt er eine bizarre Monstrosität von Waffe. Der Riese sah den heraneilenden Thomas Mac Neill, drehte sich ihm zu und feuerte den dritten Blitz. Ein ekelhaftes Aufklatschen war zu hören, als die Kugel aus Licht ihr Ziel frontal ins Gesicht traf. Der Tote kippte nach hinten um, während ein paar letzte Zuckungen seinen enthaupteten Leib durchfuhren. Der Ranger mit der Widowmaker sah es, doch er fühlte nichts mehr. Etwas in ihm hatte die Kontrolle übernommen. Es machte ihn hart, blockierte die Trauer und erfüllte ihn mit Zorn. Der missgestaltete Riese stampfte weiter über den Platz, schoss wild umher und zog damit alle Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere Kugeln fanden ihren Weg and den massiven Metallplatten vorbei und verwundeten das Ungetüm, doch das schien die Missgeburt nicht weiter zu beeindrucken. Weitere Ranger fielen, denn ihre Rüstungen schmolzen wie Butter unter dem Beschuss der Energiewaffe. Übermannt von Wut verließ der Mann mit der Widowmaker den Schutz seiner Deckung und rannte los, zog das Gewehr im Sprint und leerte den ersten Lauf. Die Ladung Schrot fand ihr Ziel in den Lenden des Riesen, doch dieser zeigte äußerlich kaum eine Regung. Der zweite Schuss traf lediglich den Brustpanzer und die Kugeln wurden von den schweren Metallplatten abgelenkt. Als der Ranger auf Armlänge herangekommen war und mit dem Kolben ausholte, packte der Riese nur zu und warf seinen Gegner zu Boden. Flink rollte sich der Niedergeworfene zur Seite, griff nach seinem Gewehr, doch als er den Kopf hob, sah er nur den glühenden Lauf des gewaltigen Plasmawerfers. Gleißendes Licht sammelte sich im Inneren dieser Tötungsmaschine und würde in wenigen Augenblicken sein Leben endgültig beenden. Es war vorbei...

Der Zweikampf mit einem gewaltigen Knall. Der Große taumelte, verriss die Waffe und jagte seinen letzten Schuss in das sandige Erdreich, ohne weiter Schaden anzurichten. Es regnete Blut und kleine Fleischklumpen, Knochensplitter stoben durch die Luft. Die obere Schädeldecke des Riesen war verschwunden und die Haut klaffe am nicht mehr vorhandenen Haaransatz weit auseinander. Jansons Barret M82 hatte ganze Arbeit geleistet. Viele hundert Meter entfernt kauerte er auf einem Bergkamm, überblickte das kleine Tal und hatte von dort, durch die Lichtblitze aufmerksam geworden, auf das Monstrum angelegt. Mit leeren Augen taumelte der Hüne noch ein paar unbeholfene Schritte umher, doch dann fiel er in den Staub und starb einen gnädigen Tod. Die Schlacht endete kurze Zeit später, denn die Flut der Slaver verebbte schließlich. Ohne Aussicht auf Erfolg suchten die letzten ihr Heil in der Flucht, doch keiner kam mit dem Leben davon. Das Lager wurde niedergebrannt und die paar wenigen überlebenden Sklaven der Freiheit überlassen. Die Ranger zogen ab.

Nach einer langen Fahrt, die er kaum bewusst wahrgenommen hatte, stand der Mann mit der Widowmaker wieder vor seinem kleinen Häuschen. Janson, der ihn hier abgesetzt hatte, startete den Motor des alten Trucks, verlor noch ein paar ermutigende Worte und machte sich dann auf den Heimweg. Matt und mit einem Gefühl der Leere trat der Ranger durch die Tür in sein Heim und warf einen Blick in das erste Zimmer. Das kleine Mädchen, welches er dort sah, war nicht älter als sechs oder sieben. Sie saß auf dem Fußboden und spielte mit einigen Holzfiguren. Als der Mann einen Fuß in den Raum setze, blickte sie zuerst erschrocken auf, doch dann wandelte sich ihr Gesicht in ein freudiges Lächeln.

„Greg! Du bist wieder da!“

Mit ausgestreckten Armen lief ihm die Kleine entgegen und er ging in die Knie, um ihre Umarmung zu empfangen. „Ich hab' dich so vermisst!“, sagte sie zu ihm. „Warum musst du immer so oft fortgehen?“ Der Mann kämpfte mit den Tränen und ihm wurde warm ums Herz. Als die Geschehnisse des Tages erneut an seinem geistigen Auge vorbeizogen, wurde ihm seine eigene Verletzlichkeit bewusst. Nie vorher hatte er sich über das was er tat Gedanken gemacht, doch nun erkannte er seine Verantwortung. Er löste sich aus der Umarmung des Mädchens und schaute in ihre strahlend grünen Augen.

"Ich werde nicht mehr fortgehen, Jade.“, beantwortete er ihre Frage. „Nie mehr! Ich verspreche es.“


Fortsetzung folgt...