Autor Thema: Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 1)  (Gelesen 1444 mal)

Offline Cerebro

  • FoCafé SL
  • Heilige Granate
  • Beiträge: 5.965
  • 4 8 15 16 23 42
Jade Dearing - Die Tochter des Rangers (Kapitel 1)
« am: 17. September 2008, 22:36:25 Uhr »
Kapitel 1 - Finsternis

Es war dunkel, nein, es war schwarz. Pechschwarz. Kein Lichtstrahl schaffte es bis in diese Gemäuer, wenn die Türen verschlossen waren. Die Luft stand. Sie war so dick und staubig, dass es beinahe schmerzte sie zu atmen. Und dann war da noch die Angst. Das Mädchen spürte sie in jeder Faser ihres Körpers. In der alles verzehrenden Schwärze lauerten ihre schlimmsten Albträume und warteten nur darauf sie zu holen. Monster. Dämonen. Die Ausgeburten ihrer kindlichen Fantasie hatten ihre Schlupfwinkel verlassen, sich hier in der Dunkelheit ausgebreitet. Verzweiflung nagte an ihr, brachte sie fast um den Verstand, doch sie konnte nicht weglaufen, nicht entfliehen. Sie war hier gefangen - bis ans Ende aller Tage und darüber hinaus. Weinend lag sie in einer Ecke der Kammer. Zusammengerollt wie ein Säugling hatte sie ihre dünnen Ärmchen fest um die zerbrechlichen Streichhölzer geschlungen, die ihre Beine waren. Ihr jämmerliches Schluchzen war alles, was dieses Nichts hier unten durchbrach, und das Echo dieser Wehklagen hallte von den kalten Wänden wider und prasselte niederschmetternd auf sie zurück.

Die Zelle, in der sich das Mädchen befand, war klein, vielleicht zwei Meter im Quadrat. Dicke Betonmauern umschlossen drei Seiten, während die vierte von einer massiven Stahltür ausgefüllt wurde. Diese Tür war von innen ohne Griff und bis auf eine bewegliche Klappe im Fußbereich und einen abdeckbaren Sehschlitz in Augenhöhe vollkommen glatt. Die Zelle selbst war kahl, es gab weder Möbel noch Fenster. Allein eine übel riechende und total verdreckte Toilettenschüssel füllte eine der von der Tür entfernt liegenden Ecken und verhinderte, dass das Mädchen ihre Notdurft auf dem Boden verrichten musste.

Sie war allein. So weit sie zurückdenken konnte, war sie schon alleine gewesen. Zurückgelassen in der Finsternis. Manchmal, etwa alle drei bis vier Tage, brachte man ihr Essen. Die Fußklappe wurde geöffnet, ein Napf mit faulig stinkendem Brei oder gammeligen Fleischresten wurde hinein geschoben, dann schloss sich die Öffnung wieder. Dies war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt und der alleinige Beweis dafür, dass es da draußen noch Menschen gab.

Die Zeit verstrich …

Schon lange hatte ihr niemand mehr zu essen gebracht, viel länger als sonst. Doch stimmte das überhaupt? Das Mädchen wusste es nicht, denn hier unten gab es keine Zeit. So wie die alles beherrschende Finsternis schwer wie ein bleierner Vorhang in der Luft hing, so war auch die Zeit in diesem Loch zähflüssig wie Teer. Nichts rührte sich und die einzigen Geräusche waren ihre eigenen: Ein leises Wimmern und das ziellose Scharren kleiner Kinderhände über groben Beton.

Tage wurden zu Wochen …

Mittlerweile waren jegliche Geräusche verklungen. Stumm lag das kleine Mädchen auf dem Rücken und starrte blind in das Nichts. Hunger und Durst hatten teuren Tribut gefordert. Ihre Atmung war ein leises Röcheln, die Augenlider bleiern schwer, der Wille zu Leben ein Haufen Scherben. Es ging zu Ende und sie wusste es. Nicht einmal der Furcht war sie jetzt noch fähig, und völlig entkräftet lag sie da, empfing die Dunkelheit um sich herum und erwartete voller Sehnsucht den Moment des alles erlösenden Schlafes.

Plötzlich knallte es von außerhalb der Tür. Ein dumpfer Ton, hinter den dicken Betonwänden selbst für ihre scharfen Ohren kaum zu hören, aber er war da. Sekunden der Stille folgten, während das Mädchen horchte. Dann erklang ein weiteres Geräusch. Metall rieb über Metall, als die Abdeckung des Sehschlitzes entfernt wurde, ein unwirklich erscheinender Lichtstrahl aus der neuen Öffnung flutete und die kleine Kammer in ein weißes Feuer hüllte, welches sie fast erblinden lies. In einer letzten, unfassbaren Anstrengung schob sie die Hände vors Gesicht, schloss die Augen und wandte sich unter Schmerzen ab von dem hellen Schein, der sie so quälte.

„Scheiße!“, fluchte es hinter dem dicken Stahl und das Licht verschwand wieder. Die Tür ächzte und schwang unter lautem Quietschen auf. Da war es wieder, dieses unvorstellbar schöne, doch so grausam stechende Feuer. Aber nach und nach verlor es an Stärke und wurde erträglicher. Eine fast komplett heruntergedrehte Petroleumlampe stand auf dem schmutzigen Boden und hüllte die Zelle in ein schummriges Zwielicht. Das kleine Mädchen wagte die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Licht! Es schien ihr wie ein Blick in das Herz der Sonne selbst. Eine ganze Weile musste vergehen, bevor sie es ertrug, doch dann begannen ihre Augen nach all der langen Zeit wieder zu funktionieren.

Und so sah sie ihn das erste Mal. Mitten im Schein der Lampe stand ein großer, muskulöser Mann. Ein schwarzer Umriss, umgeben von Licht. Ganz still hatte er die ganze Zeit dort gestanden und sie angesehen, doch nun kam er langsam näher. „Hab keine Angst.“, brummte eine Stimme, rau und sanft zugleich. Das Mädchen hatte weder die Kraft mehr, noch den Willen, sich zu entziehen. Sie lag nur so da, dem Tode näher als dem Leben, und blickte den Hünen verwundert an. Als sich zu ihr hinunterkniete, wehte ein seichter Windhauch durch die Tür und glitt über ihre abgezehrten Wangen. Sie lächelte. Die Jahre in Finsternis hatten ein Ende, denn endlich war jemand gekommen, sie zu erlösen.


Fortsetzung folgt...