Autor Thema: Ishikawacho  (Gelesen 2156 mal)

Offline Baihu

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Ishikawacho
« am: 08. November 2008, 22:21:51 Uhr »
Ist zwar eher Cyberpunk als Postapokalypse, aber die Genres liegen ja noch ziemlich nah beieinander, also schätze ich mal, es ist okay, wenn ich die Geschichte hier mal poste.

Drei Stunden. Drei ganze Stunden hatte Yutaka nun auf seinem Futon gelegen und die Decke, die sich in allen Grün- und Grautönen darbot, angestarrt.
Er besah sich die Uhrzeit auf seinem Mobiltelefon. Dies war die einzige Funktion, die noch richtig arbeitete. Wieder einmal hatte das Gerät seinen Geist aufgegeben, was die normalen Funktionen wie Telefonieren anging. Normalerweise wäre er sofort zu Toji marschiert und hätte ihm das Ding um die Ohren geknallt, doch was nutzte das jetzt noch, im Tod würde er sein Handy wohl kaum brauchen. Wenn Takeda, der Oyabun, das Oberhaupt des lokalen Yakuza-Gumi, erfahren würde - und das würde er - was er, ein dreckiger, kleiner Tagelöhner, mit seiner einzigen Tochter gemacht hatte, würde Yutakas Leben nicht mehr wert sein als das einer Schmeißfliege.
Der Schlüssel steckte noch im Schloss seiner winzigen Einzimmerwohnung.
Nachdem er seine abgewetzten Lederstiefel übergestreift hatte, zog er den Schlüssel ab und trat hinaus auf den Flur.
Sofort wurde der feuchte Geruch von altem Tatami von einer warmen Mischung aus kochendem Sojafraß, Chlorwasser und dreckigen Körpern überschwemmt.
Links, den Flur runter, spielten einige Kinder Fangen, während sie von ein paar Greisen, die sich vor ihren Zimmern auf Sitzkissen niedergelassen hatten, beobachtet wurden. Vom offenen Fenster zu seiner Rechten kam das stete Rauschen und Knistern der, unter dem Regen prasselnden, Hochspannungsleitungen. Für einen Moment erwog er dies als eine Möglichkeit. Ein Griff, vielleicht ein kurzer, durchdringender Schmerz und es wäre vorüber. Doch so sollte es nicht zu Ende gehen. Hatte er doch schon wie ein Straßenköter gelebt, so wollte er doch nicht auch noch wie einer zu Grunde gehen. Wenn Abtreten, dann richtig, dachte er, während seine Füße ihn bereits die fünf Etagen nach unten trugen.
Das Gebäude, in dem er lebte, war vor Jahren ein Hostel gewesen, bis es nach einiger Zeit des Leerstehens zu einem Mehrfamilienhaus umgemodelt worden war. Die winzigen Zimmer, die ursprünglich für ein bis zwei Rucksackreisende gedacht waren, dienten nun als Zuhause für ganze Familien. Dieses Gebäude war im Grunde wie ganz Ishikawacho, völlig überfüllt, eine einzige Sardinenbüchse. Doch die Verwaltung Yokohamas kümmerte sich nicht im geringsten um Viertel wie dieses, war sie doch viel mehr damit beschäftigt die Zentren, wie Downtown-Yokohama sauber und rein zu halten. Gäbe es Konzernsitze in Ishikawacho, so wäre dies vielleicht anders, doch das einzige, was einem Konzern in dieser Umgebung glich war nun einmal die Yakuza. Und die kümmerten sich nicht so sehr um die Sauberkeit, sondern mehr um ihre Amüsierbetriebe, Bars und Pachinkohallen.
Yutaka griff in seine Manteltasche, doch diese war leer. Wieder einmal hatte er seinen Atemschutz irgendwo liegen gelassen, wahrscheinlich in dem Imbiss in Chinatown, in dem er in der vorigen Nacht Dumplings gegessen hatte.
Er wand sein Gesicht der Decke aus dunklen Wolken zu, die das ganze Jahr über der Stadt hingen, sodass man meinen müsste, irgendwann würden sie buchstäblich auf die Stadt nieder krachen, da der Himmel nicht vermochte, sie noch länger zu halten. Er schloss die Augen um zu vermeiden, einen Regentropfen hinein zu bekommen, würde dies doch das Ende seines stereoskopischen Sehens bedeuten.
Er atmete durch die Nase ein und stob die Luft durch den Mund wieder hinaus. Selbst der Regen vermochte nicht, den Gestank des Viertels zu vertreiben, im Grunde fügte er ihm noch eine zusätzliche Note hinzu: Den säuerlichen Duft von chemischen Abgasen!

Yutaka fragte sich, ob Takeda bereits herausgefunden hatte, wo seine Tochter war und was Yutaka mit ihr angestellt hatte.
Sein Blick fiel nach links, während er darauf wartete, dass die Ampel auf Grün wechselte. Er würde es gleich herausfinden.
Die Fußgängerampel wurde Grün und das stete Piepen, als weiteres Zeichen, man könne die Straße nun, mehr oder minder, gefahrlos überqueren, hallte über die Kreuzung, doch Yutaka beschloss, einen kleinen Umweg zu machen.
Eine Gruppe Männer, alle in glänzende Nadelstreifenanzüge gekleidet, stand vor einer Bar. Sie scherzten und lachten, klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Takedas Männer.
Am Straßenrand waren schicke, schwarze und weiße Limousinen geparkt, die neuesten Modelle.
Yutaka lächelte und zog seinen Zimmerschlüssel. Wieso sollte es nicht jetzt zu Ende gehen. So konnte er Takeda wenigstens die Genugtuung geben, dass seine eigenen Leute den kleinen, miesen Leiharbeiter, der seine Tochter entehrt hatte, erledigt hatten.
Ein langer, sauberer Kratzer von der Hintertür bis zur Motorhaube. Das würde sie zusätzlich in Rage bringen, sodass es vielleicht härter, dafür aber schneller gehen würde. Wie die Ratten auf ein Stück vergammelten Fleisches würden sie über ihn herfallen. Yutaka gab sich in Gedanken den Startschuss. Der Schlüssel berührte den Lack, doch plötzlich hielt er inne. So ein schöner Wagen. Er hatte selbst immer von solch einem Gefährt geträumt. Wie er damit durch Chinatown heizen würde und die Frauen beeindruckte. Wieso sollte diese Kunst auf vier Rädern als Werkzeug seiner Suizidgedanken herhalten müssen? Er sah sich den Kratzer, den er dem Auto zugefügt hatte, an. Nur ein paar Zentimeter lang, nicht sehr tief. Sein Blick schwang herum, auf die Yakuza-Schläger, doch diese standen noch immer in einem Kreis vor dem Eingang der Bar und boxten sich gegenseitig in die Seiten, dreckige Witze reißend. Erleichterung überkam ihn. Sie hatten es nicht bemerkt, doch ungesehen würde er dort nicht mehr weg kommen, also würde er den Frontalangriff wählen.
Wie die Samurais in den alten Filmen würde er sein: Aufrecht in den Tod marschierend.
Er steckte die Hände in die Manteltaschen und versuchte sich so breit wie möglich zu machen. Sicher würden sie ihn ordentlich in die Mangel nehmen, aber er würde es wie ein Krieger ertragen. Schnaubend marschierte er auf die Gruppe zu, den Blick fest auf einen Punkt hinter ihnen gerichtet. Mit dem Kopf durch die Wand hieß es jetzt. Sie waren noch drei Meter entfernt. Er kam näher. Noch zwei Meter.
Das Gespräch brach ab, Zigaretten wurden ausgedrückt und die Männer verschwanden in der Bar, ohne ihn auch nur ansatzweise registriert zu haben.
Yutaka blieb stehen. Nein, er stand bereits, wie er feststellte.
Er fluchte innerlich, während er heftig ausatmete, dann musste er auf einmal glucksen. Ein Zufall, weiter nichts. Die hätten sich schön umgeguckt, hätte ein einfacher Typ von der Straße es gewagt, sie, die ebenso angesehenen wie gefürchteten Yakuza, anzurempeln. Er zuckte mit den Schultern: Nun gut, es sollte eben nicht sein. Sie würden noch früh genug die Chance bekommen, ihn zu malträtieren. Es sei denn, er käme ihnen zuvor.

Als er durch die Ishikawacho-Station ging, weiter zur Unterführung, merkte er erst, wie der Regen ihn durchnässt hatte, war sein Mantel doch ungefähr so wasserabweisend wie das Fell eines Straßenköters.
In der Unterführung wand er sich nach rechts, um danach die Treppen nach oben zur Hochstraße zu nehmen, so würde er die fünf Minuten Umweg locker wieder drin haben.
Lautes Johlen und Gackern drang, über den Straßenlärm hinweg, an sein Ohr.
Eine Gruppe von Jugendlichen bog um die Ecke, alle in grelle Klamotten gekleidet, die ihren aufgestylten Frisuren in nichts nachstanden.
Yakuza-Jugend, so vermutete Yutaka. Diese „Kriminellen in Ausbildung“ verdienten sich ihre Sporen zumeist durch überaus brutale Gewalttaten, um in den Reihen der Clans auf sich aufmerksam zu machen und sich so zu profilieren.
Yutaka sah sich um. Niemand war in der Nähe und die Jugendlichen kamen direkt auf ihn zu: Zweiter Versuch.
Er begann erneut zu lächeln und setzte sich wieder in Bewegung. Er schloss nun seine Augen, ruhigen Gewissens, in wenigen Augenblicken den Niederschlag zu spüren. Das provokante Schreien und Johlen der Gruppe wurde lauter, sie näherten sich. Die Gewissheit breitete sich weiter in ihm aus, was ihn stärker lächeln ließ.
Endlich war seine Zeit gekommen. Keine Sorgen mehr, nicht mehr des Nachts schweißgebadet aufwachen, in der Befürchtung, die Schlinge läge bereits um seinen Hals.
Blind schritt er weiter voran, in wohliger Erwartung eines Schlages, Stoßes oder Stichs.
Doch nichts davon kam! Und die Geräusche der Teenager, die sich gegenseitig, hohnlachend, Beleidigungen an den Kopf warfen, kamen nun ausschließlich von hinten. Yutaka öffnete seine Augen, blieb stehen und drehte sich um. Sie waren einfach an ihm vorübergegangen! Sie hatten ihn nicht behelligt. Nicht einmal eine ihrer Beleidigungen hatten sie für ihn übrig gehabt!
Um dem Zittern seiner Hände entgegenzuwirken ballte er sie fest zu Fäusten zusammen.
Das konnte einfach nicht wahr sein! War er so wertlos, dass nicht einmal der Tod ihn wollte? Seine Eltern, die Gesellschaft, ja sogar die Yakuza, und nun auch noch der Sensenmann. Niemand schien ihn zu wollen.
Minutenlang stand er da und starrte auf einen nicht existenten Punkt in der Luft.
Er vermochte nicht mehr einzuordnen, ob der Lärm von der Hochstraße über ihm kam oder von der Schnellstraße voller widersprüchlicher Emotionen, die sich in ihm aufbaute. Wut und Angst flirrten umher und vermischten sich mit Erleichterung und dem Wunsch zu Leben, bis sie einen grauen, undefinierbaren Brei bildeten, der ihm die Kehle zuschnürte, seinen Kopf jedoch merkwürdigerweise befreite und leichter werden ließ. Langsam vermochte er seinen Weg fortzusetzen und je mehr Schritte er tat, umso leichter wurden seine Füße.

Der graue Brei war verschwunden und einer erfrischenden Leere gewichen.
Die gläsernen Türen des Chuo Hospitals schoben sich zur Seite und er trat in das sterile Licht des doch so runtergekommenen Krankenhauses.
Er fragte die Rezeptionistin, eine alte Frau mit wachsartigem Gesicht, welches unter einem fast kahlen Kopf lag, in welchem Zimmer Frau Umeda läge. Zimmer 134F. Yutaka nahm die Treppe, die so aussah, als sei sie seit Jahrzehnten nicht mehr geputzt worden. Wahrscheinlich traf dies auch zu. Jeder Schritt, den er auf eine weitere Treppenstufe machte, wurde von einem klebrigen Schmatzen untermalt. Dieses Geräusch begleitete ihn den gesamten Weg, hoch in den achten Stock.
Als sei dieser Laut ein antreibender Takt, kehrten die Gefühle in Yutaka zurück.
Zu seiner eigenen Verwunderung mischte sich eine Empfindung darunter, die er seit seiner Kindeszeit nicht mehr verspürt hatte: Einfache, ehrliche Vorfreude.
In ehemals schwarzen, nun verblassten Typen war die Kennung 134F auf die Tür gedruckt. Er drückte den Griff nach unten und schob die Tür auf.
Ein kleines Einzelzimmer befand sich dahinter, nicht größer als sein eigenes Zimmer, und im einzigen Bett lag die junge Frau Umeda alias Ikuko Takeda, die Tochter des Oyabuns.
Sie lächelte. Schweißperlen glitzerten zwischen nassen Haarsträhnen auf ihrer niedrigen Stirn. Behutsam zog sie die Decke des Bündels, das sie in ihren Armen hielt, zurück. Darin eingewickelt lag das kleine Wunder, friedlich schlummernd.
Yutaka trat an das Bett und streichelte den Kopf seines Kindes. Das krause, pechschwarze Haar, die  winzigen Wangen und sein einziges, kleines Ärmchen.
Wenn Takeda kam, würden die drei lange weg sein.
Uzumasa wäre gut, dachte Yutaka, dort wohnte sein Cousin.

Offline custor86

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Re: Ishikawacho
« Antwort #1 am: 10. November 2008, 16:14:11 Uhr »
Sehr schön geschrieben, kommt da auch noch eine Fortsetzung, ode rläst du die Geschichte so stehen?

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Offline Baihu

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Re: Ishikawacho
« Antwort #2 am: 10. November 2008, 17:48:04 Uhr »
Erstmal danke für das nette Feedback custor. Hm, eigentlich war keine Fortsetzung angedacht.

Offline custor86

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Re: Ishikawacho
« Antwort #3 am: 11. November 2008, 14:56:03 Uhr »
Nur als Anmerkung noch, ich konnte beim lesen mit vielen der Japanischen Begriffe nichts anfangen. Ich konnte mir zwar aus dem Kontext immer die Bedeutung erschließen, aber vielleicht wäre es doch besser manche Begriffe erklärt als Fußnote anzugeben.

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Offline Baihu

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Re: Ishikawacho
« Antwort #4 am: 11. November 2008, 18:12:43 Uhr »
Nee, also Fußnoten in nem Prosatext geht gar nicht, auch wenn ich dein Problem natürlich verstehe.

Offline zombi1978

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Re: Ishikawacho
« Antwort #5 am: 08. März 2009, 16:32:52 Uhr »
Ich habe die Story schon einmal gelesen, aber das war vor meiner Registrierung hier. :)
Baihu, das ist eine sehr schön gemachte Story und ich hoffe, dass es eine Fortsetzung geben wird.

Es ist abwechslungsreich, mehr japanische Begriffe und Namen zu lesen - kann von mir aus noch mehr in anderen Stories vorkommen.^^

Offline Mr.Wolna

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Re: Ishikawacho
« Antwort #6 am: 08. März 2009, 16:35:45 Uhr »
WErbung in eigener Sache, leiß mal auch dei anderen Storys *HUST* besonders die eine von Mr.Wolna soll gut sein habe ich gehört.  ;D
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Ich habe ein Gewehr, eine Schaufel und 5 Hektar Land hinter dem Haus. Man wird dich nie finden - leg dich also nicht mit mir an!  
P.s. Nein es ist nicht die Gewalt was mich an der Fallout Reihe gereizt hat,aber sie war immer die Kirsche auf der Sahnetorte ( Und ich will verdammt nochmal ne Kirsche oben drauf haben)

Offline zombi1978

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Re: Ishikawacho
« Antwort #7 am: 08. März 2009, 16:39:39 Uhr »
WErbung in eigener Sache, leiß mal auch dei anderen Storys *HUST* besonders die eine von Mr.Wolna soll gut sein habe ich gehört.  ;D

Mein Kopf fühlt sich so komisch an... eine innere Stimme sagt die ganze Zeit zu mir "Lies Mr. Wolnas Geschichten!". xD
Ich sollte mich wohl der Sache lieber fügen.  ;)

Offline Mr.Wolna

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Re: Ishikawacho
« Antwort #8 am: 08. März 2009, 16:43:43 Uhr »
 #lachen# Jau , villeicht^^
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