Autor Thema: Hinter dem Schleier  (Gelesen 4485 mal)

Offline Cerebro

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Hinter dem Schleier
« am: 22. August 2009, 22:54:08 Uhr »
Kurzes Vorwort:
Diese Story ist eigentlich nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen, doch ob man das, was mir so alles dazu im Kopf herumschwirrt, auch irgendwann einmal zu lesen bekommt, steht in der Schwebe. Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, diesen "Prolog" im Schreib-Contest an den Start zu schicken, aber letztendlich habe ich mich dagegen entschieden...




Lazarus war sein Name, und als er über die Erde kam, da stahl er ihren Kindern das Leben und schenkte ihnen die Wiedergeburt. Keine Waffe konnte ihn richten, keine Grenze ihn halten. Sein Wirken schmetterte die Welt zugrunde, auf dass sie sich mit furchtbar enstelltem Antlitz wieder erheben und Rache üben würde ob der Gräueltaten, die man ihr stets angetan. Und als der erste Sturm vorbei war, da gab es nur noch wenige von den Menschen und sie verbargen sich in den tiefsten Löchern, denn aus dem Jäger wurde der Gejagte. Lazarus war sein Name, und als er über die Erde kam, da brachte er uns den namenlosen Feind...



"Hyena One an Basis, könnt ich mich hören? ... Hier Hyena One - ist irgendwer da draußen? Hey, kommt schon, antwortet mir!"

Nichts. Statisches Rauschen durchflutete den Kanal, doch niemand antwortete. Eve kappte die Leitung.

"Scheiße!"

Sie schnaubte verärgert, ließ dann die Blicke schweifen. Rußgeschwärzte Häuser türmten ihre ruinierten Fassaden um sie herum in die Höhe und der Himmel war ein düsteres Grau. Bald würde es dämmern. Die letzten Lichtstrahlen würden schnell verkümmern, um einer undurchdringlichen Schwärze Platz zu machen. Nacht. Ihre Stunden bedeuteten Gefahr. Die Atmosphäre des Planeten war während des Krieges so vergiftet worden, dass nunmehr weder Mond noch Sterne Licht spendeten, und obwohl der Helm ihres Ghost-Suits mit Nachtsicht ausgestattet war, würde sie in der Dunkelheit, an einem Ort wie diesem, ernste Schwierigkeiten bekommen.

Ein Blick auf die digitale Zeitanzeige brachte Gewissheit.
<Shit, ich bin schon viel zu lange hier. Ich muss raus aus der Stadt - schnell.>

Eve ging in die Hocke. Gehetzt durchwühlte sie die Trümmer der Drone und fand endlich, was sie suchte. Die kleine Blackbox des Roboters landete in ihrem Rucksack, ebenso wie die optischen Sensoren samt Speicher, die alles, was der mechanische Aufklärer gesehen hatte, aufgezeichnet haben mussten.

<Na endlich...>

Die Teile wurden sicher verstaut. Mit einer raschen Bewegung schulterte Eve den Rucksack, griff dann nach dem abgelegten XMG9, einem leichten Sturmgewehr und Bestandteil der Standardausrüstung eines jeden Ghosts, und stand auf. Durch ihr Training wusste sie hervorragend mit der Waffe umzugehen, doch hier draußen bedeutete das nicht viel mehr, als ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen. Bevor sie losmarschierte, versuchte Eve erneut, Kontakt herzustellen...

"Hyena One an Basis. Habe das Paket abgeholt und mache mich jetzt auf den Heimweg. Erbitte Bestätigung. Over." Keine Antwort.
"Hey Jungs, kommt schon, sagt irgendwas. Wie ist das Wetter da draußen? Gebt mir 'ne Richtung!"

Wieder nichts. Minuten zuvor war die Verbindung noch makellos gewesen. In Anbetracht ihres Standortes waren spontane Aussetzer zwar keine Besonderheit, doch die permanente Stille bereitete ihr Unbehagen.

<Irgendwas stimmt nicht.>

Eve vertrödelte keine Zeit mehr. Sie checkte Sound-Damper und Stealh-Field und machte sich rasch auf den Rückweg. Für gewöhnliche Augen war sie unsichtbar. Selbst wenn es heller Tag gewesen wäre, man hätte nicht viel mehr gesehen, als eine lautlos vorbeihuschende Silhouette. Ein Trugbild oder Hirngespinst, welches man sich nur eingebildet haben musste. Unter dem eng anliegenden Helm hörte sie ihren eigenen Atem und spürte die leichten Vibrationen des Anzugs auf der Haut. Die Energie würde noch für etwa anderthalb Stunden reichen. Mehr als genug Zeit, wenn sie sich in den verwinkelten, durch Schutt und Trümmer teils unzugänglichen Gassen nicht verlaufen würde, jedoch keine Hilfe, der Finsternis zu entfliehen. Das zwielichtig schimmernde Grau verlor immer mehr an Kraft und die Schatten wurden länger. Eve hetzte weiter. Das Scheppern der Schrottteile im Rucksack, sowie das Knirschen der Steine unter ihren Füßen, wurden durch das Damper-Field effektiv absorbiert, trotzdem fühlte sie sich wie ein Elefant im Porzellanladen. Zielsicher durchquerte sie zerfallene Häuser und leere Straßenzüge, doch nicht lange, da nagte der Zweifel an ihr. Ohne Funkkontakt war Eve orientierungslos und musste sich auf Erinnerungen stützen. Angestrengt versuchte sie, den gleichen Weg zurück zu finden, den sie auch gekommen war, doch hatte sie auf dem Hinweg in so vielen Sackgassen und Irrwegen wieder Kehrt machen müssen, dass sich der eine richtige Weg - so musste sie jetzt feststellen - nur schwer nachvollziehen ließ. An einer zweifelhaften Gabelung hielt sie an und versuchte ihr Glück aufs Neue.

"Hyena One an Basis, bitte kommen!" Nichts als monotones Rauschen...
"Verdammt nochmal, hier spricht Eve. Antwortet mir zum Teufel! Ich brauche eine Richtung!"

Zwecklos. Die Verbindung war jetzt seit bestimmt gut zehn Minuten tot und Eve wusste, dass sie in der Klemme steckte. Ihr Mut erlosch, während dunkle Vorahnung und begründete Angst die Oberhand gewannen.

<Ich muss im Schleier sein. Verfickte Scheiße, ich bin im Schleier! Es ist nicht nur ein kurzer Aussetzer, wenn sie vorbeiziehen, nein, ich bin mittendrin! Was mach' ich jetzt? Was soll ich nur machen?!>

Der Schleier. Eine Aura, die den Feind umhüllte, ihn verbarg, wenn er durch die verwüsteten Lande zog. In Wahrheit war nicht Eve der Geist, denn die Hüllenlosen, die keinen Namen hatten, mussten nicht sehen, um zu finden. Sie mussten auch nicht hören, um zu finden. Nur ihre Diener konnte man so täuschen, nicht jedoch die Kinder Lazarus' selbst, die, für das normale Auge nicht zu erfassen, unsichtbar hinter dem Schleier lauerten.

Die letzten Spuren von Grau verflüchtigten sich, als die ungeliebten Schwingen der Nacht die Welt in Dunkelheit tauchten. Es war so schnell gegangen. Wie von einer auf die andere Sekunde hatte die letzte Nachhut des Lichts den Rückzug angetreten und den einsamen Geist im Stich gelassen. Ein Geist, der durch die Welt der Toten schlich. Eve stand auf offener Straße - ungeschützt und ohne Deckung. Mit einem sekundenlangen Zirpen aktivierte sich die Nachtsicht im Visor ihres Helmes, die Umgebung gewann wieder an Konturen. Ohrenbetäubend laut hämmerte ihr das Herz und viel zu schnell keuchte ihr Atem. Niemand als sie selbst konnte es hören und doch war sie nicht allein.
« Letzte Änderung: 05. September 2009, 19:34:21 Uhr von Cerebro »

Offline Pershing

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Re: Hinter dem Schleier
« Antwort #1 am: 05. September 2009, 17:14:05 Uhr »
"In the beginning God created the heaven and the earth...."
Kennst Du die Aufnahme der mechanischen Funkstimme, mit der 1969 das Mondlandungsteam die Schöpfungsgeschichte aus ihrer Kapsel auf die Erde herunterlas?
Genau daran erinnert mich diese regelrecht biblische Atmosphäre Deiner Geschichte.
Du schreibst, da gibt es mehr!? Einen Roman? Eine größere, zusammenhängende Story?
Die würd ich echt gern lesen dürfen.
Die phantastischen Sci-Fi-High-Tech-Elemente fügen sich nahtlos in die epische Handlung.
Die düsteren Bilder dazu sprudeln einem nur so vor's geistige Auge beim Lesen.
Besser als die Nibelungen-Sagen.
Saubere Schreibarbeit!  #thumbsup
Ich denke. Also bin ich DAGEGEN.

Offline Cerebro

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Re: Hinter dem Schleier
« Antwort #2 am: 05. September 2009, 19:14:41 Uhr »
Vielen Dank für die netten Worte. Ich habe den Text übrigens eben noch einmal an diversen Stellen abgeändert, ein paar Sätze umformuliert und einen (mehr oder weniger großen) "Logikfehler" entfernt: Eve trägt einen Ganzkörper-High-Tech-Stealth-Anzug und benutzt - durch den Helm - ein Funkgerät. Vielleicht nicht unmöglich, aber etwas... komisch. Naja, dieser kleine Fauxpas ist jetzt entfernt. ^^

Die Aufnahme der Funkstimme kenne ich leider nicht und noch gibt es auch nicht mehr zu dieser Geschichte - außer in meinem Kopf. Auch wenn ich noch nicht alles bis zu einem Ende hin fertig gewebt habe (und vielleicht nie werde), so weiß ich doch schon, wie es weitergehen würde, wer oder was dieser "namenlose Feind" wirklich ist, wo er herkommt usw... Ob ich den kurzen Text hier fortsetze, wollte ich eigentlich an der Resonanz festmachen, doch von dir mal abgesehen kam da bisher ja nix. ^^

Ich hab jetzt ne Woche Urlaub und evtl. pack ich noch ein Kapitel hinten dran, wenn mir der Sinn danach steht oder ich genug Auftrieb bekomme.
« Letzte Änderung: 05. September 2009, 19:16:35 Uhr von Cerebro »

Offline Pershing

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Re: Hinter dem Schleier
« Antwort #3 am: 06. September 2009, 15:40:49 Uhr »
Also ich würd mal sagen, wenn Du schon ein grobes Konzept weißt, mit dem die Geschichte weitergestrickt werden könnte, dann würd ich mich an Deiner Strelle nicht aufhalten lassen. Ist auch - denke ich - nicht so wichtig, ob und wie viel Feedback man darauf bekommt, letzten Endes schreibt man ja doch für sich selbst und dem Spaß an der Sache wegen. Und auch, wenn kein Ende vordefiniert ist in Deinen bisherigen Planungen, wird sich auf dem weiteren Weg wahrscheinlich ohnehin eine Idee an die nächste reihen. Einfach mal drauf los ackern. Am Computer kann man ja immer noch nachträglich dran herumändern, wenn man will.
Ich denke. Also bin ich DAGEGEN.